VDI Nachrichten - 29.12.2000


Technikergeschichte: Liebhaber entdecken alte Turmuhren neu

Wem die Stunde schlägt

VDI nachrichten, 29.12.00-
Während Fortschrittsgläubige manchmal allzu unreflektiert in die die Zukunft starren, entdecken andere die Vergangenheit. So finden neuerdings Freunde für Antiquitäten Gefallen an Turmuhren, die sich in Kleinform ins Wohnzimmer stellen könne. Anregung schafft ein Museum.

Turmuhren üben vor allem zum Jahreswechsel auf den Betrachter ein große Faszination aus. Sie erinnern an Vergangenheit., Gegenwart und Zukunft. Und sie geben einen Anstoß, über das Phänomen Zeit genauer nachzudenken. Die Regensburger Fabrik Georg Rauscher widmet sich seit 1920 der Fertigung von Turmuhren und bietet jetzt sogar kleinere Exemplare für Wohnzimmer an. Ein firmeneigenes Museum, das von der Turmuhrfertigung vieler Jahrhunderte zeugt, weckt das Interesse für dieses Stück Technikgeschichte, die nicht nur Präzision offenbart, sondern auch künstlerische Gestaltung. Privat angebotene Turmuhren gestatten gar die Möglichkeit, die Gegenwart mit einem Stück faszinierender Vergangenheit zu verbinden.
Früher hielt der Technikfreak gern sein Handgelenk deutlich hin, damit sein Status an der teuren Rolex gemessen werden konnte. Heute lädt er seine Freunde zu sich nach Hause ein. Wenn ihr Blick auf die 1,72 m hohe Kleinturmuhr fällt, ahnen sie schon von selbst, dass das technische Kunstwerk etwas Besonderes ist. Ihr Werk könnte- wie einst - ein Zifferblatt mit 1,5 m Durchmesser betreiben. Und das offene Gestell enthüllt ein Uhrwerk, dass vor allem Ingenieure fasziniert. Aus Lagerbronze gegossen, werden die Räder einzeln gedreht und gefräst, die Zahnradspeichen sind per Hand gefeilt. Das Herzstück bildet eine Graham-Hemmung. Das Antriebsgewicht wiegt 30 kg, die Uhr selbst 110 kg - nicht zuletzt wegen ihres Gestells aus massiver Bronze.
"Mein Vater wollte damit die Atmosphäre der mechanischen Turmuhr in die Wohnung bringen", erklärt Christine Rauscher. Sie gehört zu dem kleinen, 80 Jahre alten Regensburger Familienunternehmen, einem von nur fünf Herstellern in Deutschland. Dessen Kleinturmuhr ist arbeitsintensiv, dass pro Jahr nicht mehr als 15 Stück hergestellt werden. Zum Aufbau reist die Juniorin persönlich an. Das gefällt - besonders den amerikanischen und japanischen Kunden, die sich sonst nur von digitalen Zeitanzeigern umgeben sehen. Der Skulpturersatz samt der Familienchronik begeistert die Kunden - trotz des Preises von 22000 DM. Auch Unternehmen stellen sich die Mini-Ausgabe gerne in den Eingangsbereich. Und viele kommen vor dem Kauf in das firmeneigene Museum in Regensburg. Dort gibt es einiges zu sehen, schließlich begeistern sich die Rauschers bereits in der vierten Generation für Turmuhren.
Zunächst geht es aber um die Herstellung, die rund eine Stunde lang besichtigt wird. In der Werkstatt entstanden schwere Kaliber, deren Installation sechs Tage und einen Sonderaufzug erforderten. Einige Turmuhren schlagen heut im bolivianischen Santa Cruz, im jugoslawischen Banja Luka oder in der Münchner Theatinerkirche. Und natürlich über den Dächern von Regensburg, das von mehr als 500 Türmen gekrönt ist.
Anschließend geht es in das firmeneigene Museum, das seine Pforten zwar gratis, aber erst nach Voranmeldung öffnet. Eines der Prunkstücke der rund 25 Turmuhren umfassenden Sammlung ist eine schmiedeeiserne Turmuhr von 1550. "Sie ist so interessant, weil sie immer ein wenig verändert, aber nie weggeworfen wurde - Regensburg war zu arm", erklärt Christine Rauscher. Ein weiteres Highlight ist die größte je vom Unternehmen hergestellte Turmuhr. Das Monstrum wiegt 700 kg und kann Zeiger von einer Länge bis zu 6 m antreiben. Der Hemmer für die Glocken sorgt allein durch sein Gewicht von 60 kg für ein kräftiges "Gong". Doch seit 1960 fallen die Modelle kleiner aus.

Die erste Turmuhr zeigte 1336 in Mailand die Zeit an

Auch Uhren der einstigen bayerischen Konkurrenz stehen im Firmenmuseum. Die Freischwingerturmuhr der alten Marke Mannhardt beispielsweise ist technisch interessant, weil ihr 2 m langes Pendel die Kraft konstant weitergibt. Viel kleiner fällt dagegen der Zwerg der Sammlung aus: Sein nur 20 cm x 20 cm kleines Turmuhrwerk wurde für Bahnhöfe in der Tschechei gebaut - und schlägt dort wohl heut noch. Die Uhren halten locker hundert Jahre, höchstens die Palette muss mal ausgewechselt werden", freut sich Rauscher junior. Nebenan liegt eine Sammlung alter Uhrzeiger, die ihrem Vater gehört. Sie reichen von 30 cm Länge bis hin zu 3 m. Mechanische Uhrwerke türmen sich in den Regalen. Für Georg Rauscher III. ist die Restaurierung alter Uhren ein Hobby.
Natürlich geht es bei der Führung auch um die Geschichte der Turmuhren. Die erste weltweit zeigte 1336 in Mailand die Zeit an. Bis dahin mussten sich die Bürger des Mittelalters nach der Sonne, der Jahreszeit oder den Klöstern richten. Denn für die Mönche war die Tageseinteilung schon für Ihr Gebet wichtig.
Deutschlands erste Schlaguhr wurde 1458 am Regensburger Rathaus angebracht. Damals liefen die Uhren keineswegs alle gleich schnell. Wohl deshalb gebot der König in Paris, alle Uhren nach der seinigen zu stellen. Und in Venedig verbot der Doge sogar die Anbringung einer Uhr an der Markuskirche - er ließ eigens einen Turm daneben bauen. So bestimmte er, wann wem die Stunde schlug.
Als die geschmiedeten Uhrwerke durch Messingzahnräder ersetzt wurden, liefern sie genauer. Doch bis zu technischen Errungenschaften wie dem Pendel oder der Uhrenspirale dauerte es nach der Räderuhr noch 350 Jahre. Minutenzeiger waren erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts üblich. 1926 wurde die elektromechanische Turmuhr als Sensation gefeiert. Christines Urgroßvater Georg Rauscher hatte sie erfunden. 1978, mit der Erfindung der Funkuhr, machte der Name wieder Schlagzeilen. Die erste ihrer Art lief am Regensburger Rathaus - produziert worden war sie im Ort. Aufgrund dieser Technik sank das Gewicht von über 700 kg auf nur rund 40 kg für den Getriebemotor, der die Zeiger bewegt und das Hubwerk, das die Hämmer für den Glockenschlag betätigt.
Heute laufen die Turmuhrwerke längst nach einer Hauptuhr - dem amtlichen Zeitzeichensender der Physikalisch- Technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Regensburg war die erste Stadt, deren Uhren im Braunschweiger Takt liefen - dank einer ferngelenkten Quarz-Hauptuhr aus den Rauscherschen Werkstätten. "Rund 95% aller Turmuhren werden von Quarz-Funkuhren oder elektrischen Pendelhauptuhren gesteuert," weiß die Jungunternehmerin.
"Ich zähl´ die Zeit/ und schlag´ die Stund/ und geb´ euch Leid´/ und Freude kund" - so hatte ihr Uhrgroßvater und Firmengründer das Wesen der Turmuhr zusammengefasst. Heute leitet Christine samt ihren Schwestern Elisabeth und Ingrid sein Unternehmen erfolgreich weiter. An der alten Wahrheit hat sich für die Urenkelinnen ebenso wenig geändert wie an der Faszination der technischen Geräte. Aber sie gehen mit der Zeit.
Zu den üblichen Kunden - Gemeinden, Städten oder Klöstern - kommen jedoch zunehmend auch Privatleute. Sie suchen Uhren, die sie außen an ihre Häuser anbringen. "Solche Architektenuhren waren früher bei großen Gutshäusern üblich und kommen gerade in Bayern wieder in Mode", erklärt Christine. Auch Einkaufszentrum, Banken oder Juweliere schmücken sich gern mit den individuell gestalteten Uhren. Der Preis hält sich mit 5000 DM - verglichen mit der Kleinturmuhr - sehr in Grenzen.
Installiert sind sie auch schneller als ihre großen Namenswettern. Denn für die Anbringung einer echten Turmuhr brauchen Spezialisten auch heute noch zwei bis drei Tage. Danach hält der Schlag dann hundert Jahre. Da kommt keine Rolex mit.
CORDELIA CHATON

VDI Nachrichten vom 29.12.2000
Turmuhren im Regensburger Stadtbild:
Die das Rathaus und den Brückenturm zierenden Uhren entstanden in der Regensburger Fabrikation. Bei der Rathausuhr handelt es sich um die erste Funkuhr im Turm.


VDI Nachrichten vom 29.12.2000
Georg Rauscher
gründete vor 80 Jahren die Turmuhrenfabrik.


VDI Nachrichten vom 29.12.2000
Auch während des Zweiten Weltkriegs
wurden Turmuhren gefertigt. Hier eine komplette Anlage aus Regensburg kurz vor ihrer Montage im Jahre 1941.


VDI Nachrichten vom 29.12.2000
Bemalung von Zifferblättern:
Im Jahre 1920 musste in der Regensburger Turmuhrenfabrik noch viele manuelle Arbeit geleistet werden.


VDI Nachrichten vom 29.12.2000
Herzstück
der Kleinturmuhr ist die Graham-Hemmung. Bis ins Kleinste genau werden die Paletten eingestellt.


VDI Nachrichten vom 29.12.2000
Zeigermontage:
Am Gebäude des Deutschen Museums wurde ein großes Barometer befestigt. Mit 24 Karat Blattgold hatte Rauscher den Zeiger in Regensburg vergoldet.